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Das Leben als Improvisationstheater

Bühnevon Ulrike Stahl

Im Artikel Chaosforschung und Geschäftsentwicklung habe ich das Leben als chaotisches bzw. komplexes System beschrieben. Wir können nicht detailliert voraussehen, was unsere Handlungen auslösen oder was auf uns zu kommt, ohne dass wir überhaupt etwas machen. Wie soll man sich da zurechtfinden?

Wenn ich die Rahmenbedingungen nicht ändern kann, hilft es mir am ehesten meine Sichtweise darauf zu ändern. Seit ich mich mit Improvisationstheater beschäftige, finde ich es sehr entspannend, das Leben immer mal wieder durch diese Brille zu betrachten. Das Leben spielt mir – wie die Zuschauer bei einer Vorstellung – immer wieder Situationen zu. Je unerwarterter die Situationen sind, je weniger die einzelnen Begriffe zusammenpassen, desto größer wird die Herausforderung im Fluss zu bleiben und nicht in eine Spiel-Blockade zu rutschen. Es gibt im  Improtheaters ein paar hilfreiche Grundsätze um im Fluss zu bleiben, die passen auch ganz gut für unsere Lebensbühne:

1. Impulse werden angenommen. Dies ermöglicht das Zusammenspiel zwischen den Partnern und ein handlungsorientiertes Vorankommen der Szene. Beginnt Spieler A mit dem Satz “Kommst Du mit Eis essen?” und Spielerin B entgegnet “Nein.”, hat B in diesem Fall die Idee von A blockiert und das Spiel gerät ins Stocken. Viele Improanfänger tendieren dazu, die Angebote des Gegenüber abzulehnen, um eigene Ideen durchzusetzen um den Fortgang der Szene somit kontrollieren zu können.

Wir können das Leben nicht kontrollieren, wir können nicht bestimmen, welche Impulse es uns zuspielt. Also heißt es, den Impuls anzunehmen und dann zu sehen, was man damit macht. Das Leben hat immer Recht, beschreibt Jwala Gamper es in einer ihrer Signkarten sehr treffend.

2. Die Voraussetzung für das Anbieten und Annehmen von Spielangeboten ist Spontanität, d.h. dem ersten Impuls zu trauen. Versucht ein Spieler sich etwas Originelles auszudenken, verzögert er das Weiterspiel, es entsteht ein Loch im Spielfluß, er behindert sich und die Mitspieler. Im Improvisationstheater ist es sinnvoller, das Nächstliegende aufzugreifen, anstatt mit dem Wunsch, für besonders geistreich gehalten zu werden, krampfhaft nach einer Idee zu suchen. Menschen sind Individuen und somit ist jeder spontane Impuls geistreich.

Wer seinen spontanen Impulsen und Gedanken immer einer Selbstzensur unterzieht, verkrampft und macht sich das Leben unnötig schwer. Unsere ersten Impulse sind häufig die besten. Folgen wir ihnen öfter, bleiben wir besser im Fluss.

3. Zug um Zug spielen. Spieler A macht ein Angebot, also einen Zug und gibt den Fokus an Spieler B ab, der nun seinen Zug machen kann.

Auch im Leben ist es gut, Schritt für Schritt vorwärts zu gehen. Und dabei wach und bewusst zu sein, für das was passiert. So schützen wir uns vor Überorganisation und bleiben flexibel.

4. Fehler machen ist erlaubt. “Improvisation ist nichts für Versicherer, ohne Bereitschaft zum Risiko geht es nicht.” Wirkliches Lernen bedeutet, auch Fehler zu machen. Improszenen können aus den unterschiedlichsten Gründen mißlingen.

Es gibt auch im Leben keine hundertprozentige Garantie für das Gelingen. Wenn es mal nicht gelingt, habe ich die Möglichkeit etwas zu lernen und dann versuche es einfach noch einmal anders.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Improvisieren und viele Fans, die Ihnen applaudieren!

Ulrike Stahl

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  1. Karl Gamper sagt:

    Ja, das ist eine wundervolle Sicht. Wir alle leben im Theater der Realität. Wir alle spielen… allerdings besonders verkrampft dann, wenn wir denken, wir wären sehr schlau und planvoll und kontrolliert.

    Wie sagt Puh, der Bär? “Ich denke, also bin ich verwirrt.”

    Wie erfrischend, wenn wir einander im Niagara der Möglichkeiten in den Salons des Wesentlichen begegnen. Dann lachen wir, spielen einander KussHände und FederBälle zu, kringeln uns ob unserer Schauspielkunst und tun so als ob. Als ob es felsenfest wäre, was wir im Lichtspiel des Vergänglichen in den Sand des Augenblicks malen.

    Was sagt Puh, der Bär? “Sei dir selbst ein Witz.”

  2. Nicole Quast sagt:

    Was für eine treffende Sichtweise! Ich höre gerade seit 2 Tagen eine Paraliminal CD zum Thema “fresh start”. Es geht dort darum, sich zu erlauben, seine festen Verhaltensweisen einfach einmal loszulassen, den Moment der Gegenwart wirklich wahrzunehmen, die Energie des Hier und Jetzt zu spüren und dann einfach neu zu handeln – im Fluss des Lebens. Viele Menschen leben in so einer Hektik, dass sie sich der auftauchenden Impulse überhaupt nicht gewahr werden und deshalb einfach “mitgerissen” werden von alten Automatismen. Indem man sich selbst bewusst wird, den Impuls wahrnimmt, kann man auch dem Anderen Raum geben, im Miteinader zu Co-kreieren.

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